Dezember 2011  

Ghan-Tour

  

Das traditionell stattfindende Christmas get-together des Western Walking Clubs ist für uns gleichzeitig Gelegenheit den Bushwalker-Freunden Lebewohl zu sagen. Wir hatten eine gute Zeit mit diesen Aussies und haben um Perth herum Gelände durchquert, das wir allein wohl nicht im gleichen Umfang erwandert hätten. Adressen werden ausgetauscht und Versprechen, irgendwann einmal wieder gemeinsam zu wandern – … - ….. -  wherever ….  


Die letzte Probe steht ebenfalls an. Martin drillt seinen Chor ‚Born-to-Sing‘ für einen Auftritt, bei dem ich schon nicht mehr dabei sein kann. Die kräftigen Bässe und satten Tenorstimmen werde ich in Lingen vermissen, wenn ich dort ‚Mit Weiblicher Note‘ weitermache. Fehlen werden mir auch Judy, Sue, Isabelle, Kim, Ray, Peter und andere, und dann Helen und Krys, die ich gleichzeitig vom Western Walking Club kenne.  


Aber besonders zu Margot hat sich mehr als nur eine Chor- freundschaft entwickelt. Zusammen mit ihrem Mann Gareth haben wir uns mehrmals getroffen. Es wäre schön, wenn wir weiterhin Kontakt halten können. Zwei Tage bevor unsere Fahrräder verpackt werden schaffen wir noch a bike ride in Rockingham, wo die beiden Zuhause sind. Die extrem lästigen Fliegen sind zwar widerlich, dafür ruft die hochsommerliche Szenerie dort am Strand gleich wieder ein Gefühl von Urlaub hervor und den unwillkürlichen Wunsch, doch noch ein wenig länger in Australien zu bleiben....  



Quirlig und bunt geht es auch wieder bei den anderen Events zu,   die den Dezemberkalender füllen könnten. Von Roving Carolers, Christmas Pageant (nachzulesen im Dez. 2010), Christmas Sunday Bands,Twilight Christmas Picnic in the Park, Christmas Funfair und anderen Aktionen kriegen wir dieses Jahr allerdings nicht viel mit.  

 

Auch das schöne Symphony Orchestra auf der Esplanade und das Festival rund um die ISAF Sailing World Championship in Fremantle verpassen wir, denn wir haben noch eine ganz besondere Reise einschieben können:


Star(s) of the Desert - THE GHAN

 

Von allem, was der Mensch baut und aufbaut, gibt es nichts Besseres und Wertvolleres als Brücken (Ivo Andric, Schriftsteller)

 

Ein ähnlich verbindender Charakter wird transkontinentalen Eisenbahnlinien zugeschrieben. Dabei schien das Zeitalter der Eisenbahn für den Tourismus in Australien schon fast vorbei. Autos und Flugzeuge hatten ihr längst den Rang abgelaufen. Darüber hinaus machten uneinheitliche Spurbreiten solch eine Reise durch den Kontinent ohne lästige Unterbrechungen und Zugwechsel unmöglich. Auch setzten die extremen Wettersituationen dem Gleisbett immer wieder massiv zu.

 

Erst 2004 wurde eine Bahnstrecke endlich komplettiert, die schon seit rund 100 Jahren versprochen war: die Anbindung Darwins.  

 

Eine Mischung aus unerschütterlichem Pioniergeist und kontrollierter Wirtschaftlichkeit beschreibt den mühsamen Weg, sich dass unwirtliche Land für die Eisenbahn zu erobern.


2 979 Kilometer führen durch alle Klimazonen des Kontinents - vom tropischen Norden über das – gewöhnlich - sonnenverbrannte Zentrum bis zum schmucken Adelaide im Süden. Rund 60 Stunden braucht der Ghan –3 Tage und 2 Nächte - in denen unser Tempo durch den Rhythmus des rollenden Quartiers bestimmt wird. 

 

 

Eine intensive Zeit, um Weite, Unwirtlichkeit und Einöde des Kontinents noch einmal auf uns wirken zu lassen, ohne selbst hinterm Steuer zu sitzen.  Wir fliegen von Perth nach Darwin - steigen in den Zug nach Adelaide - und fliegen zurück nach Perth. 

 

Die meisten Literaturquellen beteuern, dass der Zug seinen Namen und sein Logo den afghanischen Kameltreibern verdankt, die noch zu Zeiten großer Expeditionen zusammen mit ihren Tieren ins Land kamen. 

 

Ein moderner silberfarbener Zug hat die legendäre historische Bahn abgelöst. Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit und Unbequemlichkeit gehören seitdem der Vergangenheit an. Einige Geschichten aus sagenumwobenen Pionierzeiten, in denen der Zug manchmal tagelang im Nirgendwo steckenblieb, werden allerdings immer noch aufgeboten: 

 

There’s the one about the woman who was concerned about delays because she was due to give birth any day. When the conductor rebuked her for travelling pregnant she replied: I wasn’t when I got on!



Ein Hauch Nostalgie haftet der Outback Explorer Lounge und dem Queen Adelaide Restaurant des Zuges trotz allem an. Wer setzt sich freiwillig einer langatmigen Bahnfahrt aus, wenn er diese Strecke in nur 4-5 Flugstunden und dazu preiswerter bewältigen könnte?  

 

Der Weg ist das Ziel wenn man sich für eine Reise mit dem Ghan entscheidet. Das Reiseerlebnis mit dem Ghan wird zu einem unvergesslichen – ob in Luxus-Logis, Kompakt-Koje oder inmitten einer Tag-und-Nacht-Sitz-Konklave im Gruppenwagon. Wir treffen auf zwei australische Soldatinnen, die ihren 2-jährigen Einsatz in Darwin mit dieser Reise beenden, auf den ehemaligen Farmer Peter mit seiner Frau aus England, die diesen Streckenabschnitt innerhalb einer langen Australien/Neuseelandreise einschieben, auf Tim & Cassey - ein junges Pärchen, das sich die Anreise von Darwin nach Adelaide gönnt, um zur Weihnachtszeit Verwandte wiederzusehen, auf Angela aus der südenglischen Grafschaft Somerset, und dann auf Inge aus Melbourne, eine Deutsche, die mit ihrer Mutter Karola in Alice Springs zusteigt. Karola ist 78 und schon mehrfach bei ihrer Tochter in Australien gewesen. Inge lebt mit Familie seit vielen Jahren in ihrer Wahlheimat und berichtet von den ihr liebgewordenen Landstrichen Australiens …..für alle Geschichten ist Zeit… auch für zwei mehrstündige Zwischenstopps mit kurzen Ausflügen im heißen Katherine und Alice ….. life finds a tempo all of itsown in the sleek cocoon speeding across the red centre….



Hinter dem ‚Highlight Ghan‘ muss sich unser kurzer Aufenthalt im tropischen Darwin aber nicht verstecken! Das Klima beflügelt ein pulsierendes Nachtleben in den vielen Bars und Restaurants der Stadt, in denen man bei nächtlichen Temperaturen von 30° auch in dieser Jahreszeit draußen sitzen kann.... und das tropische Umland ist nicht weniger attraktiv. 

 

 

 

 

 

Darwin ist die einzige Stadt Australiens, die je bombardierd wurde. Hier entstanden zu Zeiten des zweiten Weltkriegs Behelfsflugplätze und Treibstofflager, die heute noch vorhanden sind. Zudem erinnern diverse Kriegsmahnmale an 32.000 alliierte Soldaten, die damals in Darwin stationiert waren. Zwischen den USA und Australien wurde jüngst vereinbart, dass nun in Darwin, wo in den vergangenen Jahren immer schon Millitärübungen stattfanden,  eine amerikanische Militärbasis mit 2500 US-Marines eingerichtet werden soll. Die strategische Lage als ‚Tor zu Asien‘ ist augenfällig.  


 

Vom Schicksal erneut schwer getroffen wurde Darwin Weihnachten 1974 als der verheerende Wirbelsturm Tracy die Stadt nahezu auslöschte. Das Museum macht die Zerstörung und die Geräusche der schrecklichen Sturmnacht, in der über 70 Menschen ihr Leben verloren, eindringlich nachvollziehbar. 

 

 


Termitenbauten

Tropisches Klima herrscht also in Darwin und die Regenzeit hat schon eingesetzt als wir in den nahe gelegenen Litchfield National Park fahren, um dort die gigantischen Termintenbauten und vor allem die Wasserfälle Florence Falls, Buley Rockhole, Wangi Falls,Tjaynera Falls and Cascades zu sehen, zu erwandern, zur vermeintlichen Abkühlung zu nutzen.






Es blüht gerade Wild Ginger - Curcuma Australasica



 

 

So einladend und idyllisch gelegen die natürlichen Pools auch sind, es fehlt mir(!) doch oft die nötige Unerschrockenheit, selbst in die Gewässer zu gehen, die als sicher vor den gefährlichen salties gelten.  

 

(salties = Salzwasserkrokodile, werden auch: Leistenkrokodile genannt)   

 

 

 

Holger hat keinen Pool ausgelassen!

 

 

 

Viel über den ‚Wirtschaftsfaktor Krokodil‘ als auch zahlreiche Fakten zu Merkmalen, Lebensräumen, Jagdverhalten, Aufzucht, dieser ebenso furchteinflößenden wie faszinierenden ältesten lebenden Reptilien erfahren wir danach im Crocodylus Park.


 

Mal ist es der Schutz vor dem Regen, dann wieder die Suche nach Schatten und Abkühlung, die unsere Streifzüge durch die Museen und Kunstgalerien beeinflussen. Darwin und Alice Springs im Northern Territory und auch später das South Australian Musuem in Adelaide bieten dazu eine überreichliche Auswahl an Aboriginal-Kunst, hochwertigem Kunsthandwerk und umfangreichen kulturellen Nachlässen – ebenso an Kitsch und Ramsch in allen Städten.

 

 


 

Nach einem letzten schweißtreibenden Ghan-Stopp und Rundgang in Alice, wie die Stadt im roten Zentrum meist abgekürzt wird, freuen wir uns nach tausend Kilometern menschenleerer Weite und monotoner Wildnis auf die selbst ernannte Festivalstadt Adelaide. Hier sollte nichts dem Zufall überlassen bleiben. So hat es jedenfalls der Landvermesser Colonel William Light bestimmt, als 1836 die Stadt nach seinen Plänen angelegt wurde.  

 

 

 

 

Großzügige Straßen, Alleen, Parks und Freizeitmöglichkeiten inmitten der Stadt, vielfältige Gastronomie, Museen, Universität, Produkte aus aller Welt in den Markthallen, Opale in allen Preisklassen, konzentrierte Geschäftsmeilen und Arkaden machen diese Stadt aus, in der sich noch einige hübsche Häuser aus der Gründungszeit finden. Wir erleben einen warmen ausgelassenen Freitagabend, bevor an den restlichen zwei Tagen häufiger Regen unseren guten Eindruck von Stadt und Umland etwas trübt.  


 

 

 

 

 

 

Gut vorstellen können wir uns dennoch, wie wohl sich europäische Einwanderer gefühlt haben müssen und immer noch fühlen angesichts der fruchtbaren und von Palmen eingerahmten Weingüter.

 

Keine Frage – auch hier ließe es sich gut leben.

 


Glenelg Beach Promenade - Adelaide

 

 

Wieder einmal hinterlassen nur 9 Tage eine Fülle von Eindrücken, die erst bei der nachträglichen wiederholten Bilderschau haften bleiben werden.  

 

Blick auf Katherine Gorge - Katherine NT



Weihnachtsdekoration an Palmen

 

Beach Volley Ball am 4. Advent am Glenelg Beach

 

 

 



 

 

Sonnenaufgang im Red Centre - vom Ghan aus gesehen

 

 

 

 

Welch ein Abschied von einem Land, das uns nie langweilig wurde, das dramatische Unterschiede zwischen den Klimazonen, zwischen unermesslicher Wildnis und quirligen Städten bot, ein Land - von dem der off-road Reiseabenteurer Bill King schreibt - ‚....dessen Geheimnisse sich nur dem offenbaren, der hinter die üblichen Grenzen schaut‘.


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Jetzt schauen wir voraus ins Jahr 2012 und freuen uns auf dich/euch, und ganz besonders auf Weihnachten mit unserer Familie in Deutschland. Bis bald!!!

 

 Biggi

 

 

 

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