Into The Red Centre

 

Sucht man unter dem Stichwort >Uluru< bei Google, findet man sekundenschnell ungefähr 1,5 (!) Millionen Bilder. Der Monolith gehört zu den weltbekannten und meist fotografiertesten Wahrzeichen Australiens. Mit seiner isolierten Lage im roten - ansonsten eher flachen - Zentrum des Kontinents ist der Uluru in mehrfacher Hinsicht ein ‚Brennpunkt‘. Abhängig von Wetter und Tageszeit wandelt sich sein Erscheinungsbild. Zwischen sunrise und sunset taucht die Oberfläche des Urgesteins in ein Farbspektrum von Blaugrau über Braun, Ocker bis zum ersehnten warm leuchtenden Rot. Uluru has many moods.


Eigentlich kennt man sein eindrucksvolles Abbild längst – von Kalenderblättern, Postkarten, Bild­bänden, Reiseprospekten, einschlägigen Souvenirs, Fernsehreportagen und eben Internetfotos - aus der Luft wie aus der Nähe. Dennoch pilgern jedes Jahr annähernd 500.000 Besucher zu diesem Brocken, angelockt von seiner Mystik und getrieben von dem Wunsch, dieses Phänomen mitten im Outback selbst zu erleben. Wir auch!


 

 

Ich kann gut damit leben, dass unsere knappe verbleibende Zeit für eine Outback-Durchquerung auf dem Motorrad nicht mehr reicht.  Wir fliegen also von Perth direkt zum Connellan/Ayers Rock Airport und mieten einen gewöhnlichen PKW, denn alle erlaubten Zufahrtstraßen sind gut befestigt.  

 

 

Den biker der deutschen Maschine, die wir an einem der Tage auf dem Parkplatz sehen, beneiden wir beide angesichts der riesigen Entfernungen und Tages-temperaturen von 30-35° ganz ehrlich nicht – die Alternative ‚mit Motorrad ins Outback‘ wäre auch bei großen Zeitreserven nicht ernst gemeint. Eine Harley nur für die sunset tour zu mieten ist zwar verlockend, bei Stundenpreisen von 145 Dollar aber auch schnell verworfen. Trotz vorausgesagten heißen 32° wollen wir natürlich ein paar Wanderungen machen, unsere Unternehmungen im roten Herzen Australiens nicht allein auf  'Sessel­abenteuer' reduzieren.  


Die erste Überraschung: Aus der Luft ist erstmal alles weiß, denn ein dickes Wolkenband liegt über Zentralaustralien. Tage zuvor hat es wie aus Eimern geschüttet. Die jüngsten Regenfälle verursachen damit teilweise die zweite Überraschung: Die rote Erde ist üppig bewachsen mit Spinnifex, Dessert Oaks, Blue Mallee, Desert Poplar, Acacia, Mulga, anderen Büschen und hohen Bäumen, einem Unkraut gleichem Büffelgras und … aufgrund der jüngsten Niederschläge mit zahlreichen hübschen Blumen.   

 

Der 1.325 km² große Uluru-Kata Tjuta Nationalpark ist wegen seiner kulturellen Bedeutung und einzigartigen Naturlandschaften aufgenommen in die UNESCO-Welterbe-Liste, deren Schutz und Erhalt Aufgabe der Völkergemeinschaft ist.

 

 

 

 

Seit zehntausenden von Jahren ist der Uluru den Anangu, den dort ansässigen Aboriginals, mehr als wichtig, vielmehr heilig. Ihre ehrwürdige Stätte inzwischen mit Menschen aus aller Welt zu teilen bringt nicht nur das Geld der Touristen, sondern erwiesenermaßen Konflikte. Fotografieren ist nicht überall erlaubt. Das Besteigen ist nicht erwünscht – aber generell verboten ist es auch nicht! Im Gegenteil: Eine einladende Kletterhilfe ist am steilen Bergmassiv angebracht! Diese Inkonsequenz spaltet die Besucher - auch uns: Holger will rauf, ich den Uluru zusammen mit einer geführten Kleingruppe umrunden, die noch vor Sonnenaufgang startet. Mein 14-km-BaseWalk [1] ist noch immer sehr aufgeweicht und schlammig, Holgers Auf- und Abstieg steil und windig.

 


 

   


Aus unmittelbarer Nähe und doch ganz unterschiedlichen Perspektiven genießen wir die sehr schöne Morgenstimmung, sehen Zerklüftungen, Höhlen, wettergegerbte Oberflächen, Narben und Wasser-stellen – teilweise noch von Wasserfällen vom Regenwochenende 2] gespeist, hören oder lesen ein paar spirituelle Geschichten der Aboriginals. Unseren Blick können wir, gleich unzähligen anderen Besuchern, auch später bei Sonnenuntergang kaum vom 348 m über der Umgebung[3] heraus ragenden Uluru abwenden – vielleicht auch, weil außer der unermesslichen Weite des Landes nichts wirklich ablenkt von diesem majestetischen Herzstück.


 


Many Heads/VieleKöpfe – so die Übersetzung für Kata Tjuta – stehen etwa 50 km vom Uluru entfernt. Ein treffender Name für 36 kuppelförmige Felsen, deren höchster Punkt (Mt. Olga) mit 546 m über Umgebung[4] angegeben wird und damit den Uluru noch überragt. Auch hier befinden sich sakrale Stätten der indigenen Bevölkerung Australiens, Zeugnisse ihrer Kultur und Geschichte. Einiges wird dem Besucher erklärt, vieles bleibt den balanda (white people) verborgen.

 


 

 

Ein sehr schöner Rundweg führt über 7 km durch felsige Schluchten, ins Valley of the Winds, durch Refugien für Tiere und Pflanzen, zwei kürzere Wanderwege steuern Karu- und Karingana-Aussichtspunkte und die Walpa Schlucht an. Auch hier sind wir zum traumhaften Sonnenaufgang bereit, wenn der Tag kurz nach 5 Uhr vom ersten Vogelgezwitscher begrüßt wird und zurück im Schatten, wenn das Thermometer über 30° erreicht.

 


 

 

 

Das Besteigen der Felsen ist hier generell verboten. Kulturell sensible Stätten sind gar nicht erst zugängig. Die Traditionen der Ureinwohner Australiens verbieten es, deren Geschichten uneingeschränkt preiszugeben. Das örtliche Kulturzentrum vermittelt zwischen allen Fronten. Die Besucherzahlen des Nationalparks sind im letzten Jahr gesunken. Der sehr hohe australische Dollarkurs und die tragischen Ereignisse in Japan werden als Hauptursache benannt. Der angespannte Finanzmarkt reguliert sozusagen die Besucherzahlen, die von 2.296 Besuchern im Jahre 1958 stetig, insbesondere seit Bau des Ayers Rock Resort im Jahre 1984 deutlich angestiegen sind.

 


 


Liegen Uluru und Kata Tjuta wie auf dem Präsentierteller, so ist die lange geheim gehaltene Schluchtenlandschaft des Kings Canyon im Watarrka National Park vergleichsweise versteckt. Gut 300 km fahren wir durch endlose rote, mehr oder weniger bewachsene und abgebrannte Dünenlandschaften bis zum Kings Canyon Resort – dem einzig möglichen Basislager vor Ort. Aber selbst hier sind Unterkunft und Verpflegung in verschiedensten Preisklassen möglich. Das Alleinstellungsmerkmal wirkt sich in jeder Kategorie preistreibend aus. Dafür kostet der Park keinen Eintritt und liegt nur 10 km vom Ressort entfernt.  

 

Eine in den Fels gearbeitete Steintreppe führt den beherzten Wanderer zum Klippenrand und dort auf einen 6 km langen Rundweg mit faszinierenden Aus- und Einblicken in bis zu 270 m tiefe Schluchten. Auf halber Höhe finden wir schon am ersten Abend ein einsames Plätzchen für einen eindrucksvollen Sonnenuntergang. Am nächsten Tag kraxeln wir ganz hinauf, am Kliff entlang, Holztreppen hinab in den Garden of Eden, wieder hinauf mit spektakulärem Blick auf senkrechte gelbliche Sandsteinwände, die aussehen, als wären sie mit einem Messer abgestochen.   

 

 

 

Sehr viel Respekt haben wir vor den Menschen, die hier ohne Klimaanlagen, komfortable Unterbringung, Fortbewegungs- und Kommunikationsmittel von und mit dem Land gelebt haben. Sind die frühen touristisch geführten Busreisen der 1950er Jahren gerade noch vorstellbar, so unbegreiflich abenteuerlich erscheinen die Expeditionen der ersten europäischen Entdecker, die mit Pferden und Kamelen ab 1860 und unter größten Strapazen das unwirtliche Land einnahmen, Bodenschätze und Trinkwasser suchten, später Viehzucht etablierten und die Errichtung einer Telegrafenleitung über tausende Kilometer vorantrieben. Die First Australians, die Aboriginals, haben sie dabei zunehmend aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt, ihre lebens­wichtigen Kenntnisse oftmals missachtet.


Vieles, was von overseas nach down under eingeschleppt wurde, hat Australiens empfindliches Ökosystem nachhaltig verändert. Wir Menschen sind da keine Ausnahme. Zur Plage wurden dem Land schnell Kaninchen, dann Füchse, schließlich auch Kamele, die man einfach ins outback trieb, sich selbst überließ, als man sie nicht länger als Lasttiere brauchte. Farmer schießen sie inzwischen ab, da sie ihrem Vieh die wertvollen Wasserreserven streitig machen. Auch uns wollen die 5 wilden ‚Wüstenschiffe‘ nicht recht ins Bild passen, als sie unerwartet neben der Straße auftauchen. Ein Kamelritt als Touristenattraktion in Australien ist eine weitere Überraschung - irgendwie seltsam.   

 

 

 

Die Erwartungen werden allerdings voll erfüllt, wenn man den nächtlichen Sternenhimmel über sich funkeln sieht. Das Sternenzelt leuchtet von hoch oben bis an den Horizont mit Millionen von Sternen, die zum Greifen nahe scheinen und doch Unendlichkeit besitzen. Meine Vorstellungskraft gerät hier an Grenzen.


Ebenso sind erdgeschichtliche Beschreibungen, die 65, 100, 250 oder 300 Millionen Jahre überspannen für den Laien schwer zu ermessen und sehr komplex. Ob es Gesteinsstrukturen, Sedimente und Erdformationen sind, in denen der Kontinent Australien geologisch relativ stabil blieb oder Zeiten der Auffaltungen und Gesteinsverschiebungen, die ihre Spuren hinterlassen haben. Allein 30.000 – 70.000 Jahre Geschichte der australischen menschlichen Besiedlung sind schon immense Zeitspannen – bei über 1.000 Millionen Jahren Erdgeschichte kann einem schon schwindlig werden! Und doch offenbart Australien alle diese Zeitfenster – offensichtlich und zugänglich wie in kaum einem anderen Land der Erde.


 


Im Vorbeifahren muss hier der ebenfalls beeindruckende Mt Connor (Atila) mitgenommen werden, der als Tafelberg geologisch keine Verbindung zum nahen Uluru oder Kata Tjuta darstellt und sogar auf 650-750 Millionen Jahre geschätzt wird. Die Einzigartigkeit dieser Landschaften von Uluru, Kata Tjuta & Watarrka ist detailreich im gleichnamigen und sehr empfehlenswerten Buch von Anne Kerle dokumentiert.  

 

Obwohl wir alle Wanderungen gemacht haben, die überhaupt möglich waren, uns Zeit und Muße für das rote Zentrum Australien erlaubt haben, sind wir doch nur ganz oberflächlich eingetaucht in seine Geschichte, haben die gesamte Artenvielfalt nicht wirklich erfassen können. Sie ist großartig und irgendwie Ehrfurcht einflößend. Vom Flugzeug aus werfen wir einen letzten grandiosen Blick zurück.


Blick auf Kata Tjuta beim Abflug

 

 

 Für die, die es genau wissen wollen - das Kleingedruckte: 

 

[1] Uluru Umfang: 9,4 km

[2] Durchschnittliche Niederschlagsmenge: 307,7 mm pro Jahr /
      über 60 mm fielen 48 Stunden vor unserer Ankunft!
      1/3 der gesamten durchschnittlichen Niederschlagsmenge fiel
      bereits an nur zwei Tagen im November

[3] Uluru Höhe: 348 m über der ihn umgebenen Ebene,
      863 m über dem Meeresspiegel

[4] Kata Tjuta höchster Punkt: 546 m über der ihn umgebenen Ebene,
     1066 m über dem Meeresspiegel

 

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Kaum sind wir aus dem outback zurück heißt es back out für uns. Weihnachten werden wir zurück in Deutschland sein

Australian mission accomplished - 

 

Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit hier vergangen ist und wie rasant jetzt der countdown läuft. Unser Hab und Gut wird am 5. Dezember gepackt und verschifft. Trotz aller Vorfreude auf die Lieben in Deutschland +++ 26 sleepsuntil x-mas +++ weihnachtlich wird es uns hier nicht!! Temperaturen und Aktivitäten geben einen anderen Takt vor.   

 

Unsere Zelte in Perth brechen wir auch mit einem weinen Auge ab, denn > In Perth leben die glücklichsten Menschen <   

 

Das behauptet zumindest David Dale in seinem Little book of Australia‘. Neben dieser statistischen Auswertung habe ich darin noch zwei weitere Superlative entdeckt:  


 


Bezogen auf die Zahl der Einwohner gibt es in Perth mehr Millionäre als sonstwo auf der Welt und Perth ist geografisch gesehen die isolierteste Metropole der Welt. Macht Geld einsam oder geht es Perth und seinen Einwohnern womöglich so gut, weil es dermaßen isoliert liegt? 

 

Heute mit glücklichen Grüßen

 

Biggi

 

 

 

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